Verbandsperspektiven

Verbandsperspektiven

Der Gesprächs-Podcast des DBSV

Transkript

Zurück zur Episode

Verbandsperspektiven - Der Gesprächspodcast des DBSV.

Das Präsidiumsgespräch heißt jetzt Verbandsperspektiven und ist ein eigener Podcast. Mit diesem neuen Gesprächspodcast vom Deutschen Blinden und sehbehinderten Verband wollen wir Ihnen direkte Einblicke in die Verbandsarbeit bieten. Wir sprechen mit Mitgliedern des DBSV Präsidiums und ihren Kolleginnen über aktuelle Entwicklungen im Verband. Wir besprechen politische und rechtliche Veränderungen und bieten nebenbei die Möglichkeit, die Stimmen aus dem DBSV etwas besser kennenzulernen.

So können Sie die DBSV Position nachvollziehen und bleiben immer informiert. In dieser Folge der Verbandsperspektiven werfen wir einen Blick auf die internationale Arbeit des DBSV. Genf, Brüssel, Berlin, Sao Paulo, Die Referentin für Internationales Merve Sezgin ist weltweit unterwegs. Sie vertritt blinde und sehbehinderte Menschen aus Deutschland, beispielsweise wenn es um EU Richtlinien geht oder wenn sich der DBSV mit Vertreterinnen aus Japan und den USA über Anforderungen an Elektroautos austauschen möchte.

In diesem Jahr tagte der Weltblindengipfel und die Generalversammlung der Weltblindenunion WBU in Sao Paulo in Brasilien. Daran angeschlossen gab es eine große Messe für Hilfsmittel. Merve Sezgin nahm mit DBSV Geschäftsführer Andreas Betke daran teil. Was die internationale Zusammenarbeit für den Verband hier in Deutschland bedeutet und wie Menschen mit Behinderung von internationalen Treffen wie der WBU Generalversammlung profitieren, besprechen wir in der kommenden guten halben Stunde.

In den Verbandsperspektiven. Das Gespräch führt Leonie Koll.

Hallo und herzlich willkommen bei den Verbandsperspektiven heute mit Frau Sezgin und Herrn Bethke. Schön, dass Sie beide da sind. Hallo zusammen. Hallo. Danke für die Einladung. Sie waren beide zusammen gemeinsam beim Weltblindengipfel und der Generalversammlung der Weltblindenunion WBU dieses Jahr in Sao Paulo in Brasilien im September. Frau Sezgin, Sie machen im Jahr ganz viele Reisen. Es war nur eine von vielen.

In wie vielen Ländern waren Sie denn schon dieses Jahr? Ich habe tatsächlich nachgezählt. Dieses Jahr waren es nur fünf Länder. Aber ich war in fast allen zweimal, außer in Brasilien. Das heißt, ich war in Belgien, Brasilien, Frankreich, Litauen und der Schweiz. Okay, also viele europäische und dann einmal Übersee. Genau. Und Herr Bethke, Sie sind etwas weniger international, aber nur ein bisschen weniger.

Wie war denn für Sie die Erfahrung bei dem Weltblindengipfel? Ja, Brasilien war schon ein ganz besonderes Erlebnis, das Land als solches ich habe das wahrgenommen als ein Land mit ganz vielen Menschen voller Energie und Musik und das ist schon ein bisschen ungewöhnlich, wenn man so aus Europa kommt. Wir hatten vier Tage Kongress und wirklich jede Pause war dann keine Pause, in der man sich irgendwie hat zurückziehen können oder so was, sondern es gab Musik, es gab Treffen, es war immer ganz viel los.

Und da hat man schon gemerkt, dass da so ein bisschen, ja einfach eine andere Lebenskultur auch herrscht als bei uns in Europa. Na ja, und insgesamt würde ich sagen, war das ein super toller Kongress mit ganz vielen Menschen und nicht nur mit der Generalversammlung, der Weltblindenunion, sondern auch mit ganz vielen Menschen aus Brasilien, Blinden und Sehbehinderten, die dort zusammengekommen sind und den Gipfel wahrgenommen haben, um sich auszutauschen.

Ich denke, wir können locker sagen, dass da über 1000 Menschen gewesen sind und die vier Tage sich getroffen haben und getagt haben. Und ganz spannend ist dabei fand ich noch gewesen, dass Brasilien ein sehr starkes paralympisches Nationales Komitee hat, nicht nur mit einem wirklich paralympischen Leistungszentrum in Sao Paulo, sondern ja auch anscheinend mit sehr gut ausgestatteten finanziellen Mitteln.

Das Paralympische Komitee dort war einer der Hauptsponsoren auch der ganzen Veranstaltung. Na ja, und dann kriegt man natürlich auch mit, so außerhalb Europas, dass es bei Ausstellungen von Hightech, ich sage mal jetzt bis zu Low Budget Lösungen eigentlich die ganze Vielfalt gibt, dass es nicht nur darum geht, im Grunde technologisch das Neueste irgendwie zu präsentieren und auch an die Menschen zu bringen, sondern dass es natürlich auch um Länder geht, die nicht so viel Geld haben, wo die Menschen auch nicht so viel Geld haben.

Dass es dann dort darum geht, Dinge ganz einfach zugänglich zu machen, sei es irgendwie ganz einfach, sagen wir mal umgestaltete und nutzbar gemachte Spiele aus ganz einfachen Materialien bis hin zu Nachbauten des berühmten Perkins Spiels zum Schreiben der Blindenschrift usw. Also es war finde ich voller Eindrücke und ich habe es auch wirklich verbinden können mit einer Reise dann durchs Land, privat noch um den Kongress drum rum und das war ein tolles Erlebnis.

Okay, ja, das klingt wirklich nach einer sehr tollen Erfahrung und ja, bei allen inspirierenden Erlebnissen, die man in der internationalen Zusammenarbeit dann offensichtlich sammeln kann. Was bedeutet denn die internationale Zusammenarbeit schließlich für den deutschen blinden und sehbehinderten Verband? Wie kann man das erklären? Ich glaube, wir müssen uns in Deutschland klar machen, dass inzwischen eine ganze Menge Dinge, die auch unser Leben in Deutschland bestimmen, im international angebahnt werden und auf der Basis internationaler Entwicklungen Verträge, Normen usw. passieren.

Und insofern haben wir uns seit vielen Jahren schon entschieden, dass wir gesagt haben, wir wollen uns aktiv in die internationale Arbeit einbringen, damit wir im Grunde nicht nur bekommen, was irgendwo von anderen für uns sich ausgedacht wird, sondern dass wir das mitgestalten können und darum haben wir gesagt, wir gehen diesen ja dann auch finanziell schwierigen Weg und sagen, wir bringen uns ein in die ganzen verschiedenen Ebenen, die es auf dem internationalen Geschäft gibt, vor allen Dingen auf dem europäischen Bereich, und sind da ganz aktiv dabei, haben viele Jahre lang die Präsidentschaft gestellt.

Mit Wolfgang Angermann und sind jetzt weiterhin im Präsidium vertreten, haben mit Merve Sezgin eine internationale Referentin, die sich in ganz viele Verhandlungen einbringt, die sich in ganz viele Gremien mit einbringt. Und da so unsere aktive Stimme auch wirklich in der internationalen Arbeit ist, da vielleicht kurz einmal kurz eingehakt. Das Präsidium von Was meinen Sie die europäische Blindenunion? Oh ja, genau.

Das Präsidium der Europäischen Union. Genau. Und vielleicht muss man das einmal klarstellen Der DB SV ist Mitglied in der Europäischen Blindenunion, aber auch in der Weltblindenunion. Genau. Frau Sezgin möchten Sie da noch was hinzufügen als Referentin für Internationales? Wie sieht die Arbeit da besonders für Sie aus? Ja, das kann ich wirklich nur unterstreichen. Also die sozusagen die Grundlage für die internationale Arbeit, die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, kurz die UN-BRK Das ist oft der Motor hinter vielen Gesetzen und Maßnahmen in Europa, weltweit, aber natürlich betrifft uns das dann auch in Deutschland. Wie das dann am Ende umgesetzt wird. Und man muss wirklich sagen, ohne die UN-BRK gäbe es viele heutige Fortschritte nicht. Und der DBSV hat das glaube ich schon sehr frühzeitig erkannt und sich da aktiv eingebracht.

Und ich glaube, dieses Engagement ist auch sehr, sehr wichtig. Das wird uns auch immer wieder gespiegelt, sei es jetzt von EU-Parlamentariern als auch von Ministerien oder anderen Stakeholdern, dass wir uns da so einbringen und auch sozusagen Perspektiven mit einbringen, die da sonst eher vergessen worden wären. Dass das wirklich wichtig ist und deshalb glaube ich, dass wir da so eng mit unseren europäischen und globalen, ja sage ich mal, Dachverbänden zusammenarbeiten und das auch mitgestalten, um die Veränderungen auf politischer Ebene anzustoßen, insbesondere auch das Thema Disability Mainstreaming.

Das kann ich gerne noch mal mehr erläutern, aber da ist es einfach wichtig, sozusagen als Verbund aufzutreten, um einfach mehr Schlagkraft, mehr Gewicht zu haben, damit wir eben auch in Deutschland sozusagen bessere Gesetze verbindlichere Standards bekommen und auch Innovationen ja adaptiert werden, bevor wir uns da bestimmte Themen vielleicht mal genauer anschauen. Genau, sagen Sie jetzt mal, was Sie mit Disability Mainstreaming meinen?

Also Disability Mainstreaming bedeutet, dass die Belange von Menschen mit Behinderung über alle Politikfelder hinweg von Anfang an mit sozusagen in Entscheidungen berücksichtigt werden. Und eben nicht nur sozusagen bei Gesetzgebungsverfahren, die speziell in Bezug oder in Bezug zu Menschen mit Behinderung haben, sondern eben in allen Bereichen, damit das sozusagen nicht immer eine Sonderlösung ist, sondern als Standard, da berücksichtigt wird und das ist ja nun mal so, dass so inklusive Maßnahmen, das nützt nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern das macht dann die Dinge auch für andere Menschen nutzbar.

Also davon profitieren eben auch ältere Menschen oder Menschen, die mit Kinderwagen unterwegs sind oder die eine andere Sprache sprechen. Also das Mainstreaming ist ganz wichtig und das wollen wir auch immer verankert sehen. Insbesondere auf europäischer Ebene gelingt uns das immer öfter. Aber das ist eben das, was wir sozusagen immer mitgeben, weil es ist immer einfacher, sozusagen das Design von Anfang an barrierefrei und inklusiv zu gestalten, als dann hinterher irgendwelche Sonderlösungen da zu versuchen.

Und da gibt es dann bestimmte Errungenschaften für Menschen mit Behinderung, die sich konkret auf die internationale Zusammenarbeit zurückführen lassen. Können Sie da vielleicht mal ein, zwei Beispiele nennen? Ja, fange ich mal an! Also viele Menschen kennen zumindest das Schlagwort des Marrakesch-Vertrags, wo mühsam sozusagen mit den ganzen Rechte... Urheberrechte-Inhabern ausgehandelt worden ist, dass wir weltweit barrierefrei aufbereitete Literatur austauschen dürfen.

Was vor Marrakesch so in diesem Sinne gar nicht möglich gewesen ist, das war sicherlich eine der großen Errungenschaften, die gelungen ist. Dann kennt man vielleicht auch aus Schlagworten so, dass die barrierefreie Gestaltung von öffentlichen Webseiten, für die wir in Deutschland ganz eine Vielfalt an Vorschriften inzwischen haben. Das geht zurück auf europäische Regelungen, die wir dort durchgesetzt haben. Oder ganz aktuell haben wir das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, was ja in aller Munde ist im Moment, wo wir zum Ersten Mal so in einem Privatbereich rein wirken können und dort Fortschritte bei uns auch in Deutschland schaffen können, dass Barrierefreiheit umgesetzt wird, auch das geht zurück auf eine europäische Vereinbarung, die uns dort gelungen ist.

Man kann vielleicht auch so ein bisschen sagen, wenn man sich überlegt ja, wie kommt das denn eigentlich? Dann ist es ja so, dass wir weltweit ganz unterschiedliche Ansätze haben, wie mit Menschen, mit Behinderungen umgegangen wird, wie Behinderung verstanden wird. Wir haben teilweise Sozialstaatsprinzip, so wie wir in Deutschland von der Geschichte her eher so fürsorgerisch angegangen. Dann haben wir ganz andere Länder.

Gerade im angelsächsischen Bereich, die das eher sozusagen entwickelt haben. Ja, aus der Perspektive, es darf keine Diskriminierungen geben. Und wenn so unterschiedliche Ansätze zusammenkommen, dann kann man natürlich versuchen, na ja, das jeweils Gute und Beste sozusagen von diesen Ansätzen ja zusammenzufügen und so Lösungen zu verhandeln und hin zu verhandeln und das muss man wirklich sagen, ist auf der europäischen Ebene schon öfter gelungen.

Und wir wären in Deutschland in vielen dieser Bereiche längst nicht so weit, wenn wir nicht diese europäischen Herangehensweisen und Lösungen gehabt hätten. Das sind so ein paar Beispiele, wo wir schon eine ganze Menge von... eine ganze Menge erreicht haben. Na ja, und dann gibt es aktuell eine ganze Menge Dinge, an denen wir gerade dran sind. Da werden wir vielleicht gleich drauf kommen, ob es jetzt das berühmte AVAS ist also wie man Elektroautos hört, obwohl das ja eigentlich auch schon eine Errungenschaft ist, dass wir es überhaupt jetzt erst mal haben.

Oder wir haben gerade das Thema Europäischer Behindertenausweis oder wir haben die Anerkennung von Brailleschrift als immaterielles Weltkulturerbe. Oder wir verhandeln eine ganze Reihe von Normen mit, die dann auch auf Deutschland sich auswirken werden. Das sind sicherlich so aktuelle Themen, auf die wir gleich noch ein bisschen tiefer eingehen können. Heißt das dann auch, dass man Rechte, die man, an die man sich jetzt vielleicht gewöhnen wird in Bezug auf das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz beispielsweise, dass wenn man dann in Europa reist, man davon ausgehen kann, dass ähnliche Standards auch in Frankreich oder Polen oder wie auch immer umgesetzt werden würden.

Soweit die Theorie. Kann Frau Sezgin vielleicht auch ein paar Sätze noch mehr dazu sagen? Die Nationen müssen natürlich umsetzen und sind natürlich unterschiedlich schnell unterschiedlich, ja vielleicht auch nachhaltig, dann in der Umsetzung, wie verfolgt man das auch wirklich umgesetzt wird und so was. Insofern wird es schon noch Unterschiede geben, aber im Grunde ist die Idee schon, sage ich mal, eine Einheitlichkeit in Europa auch hinzukriegen.

Genau. Also das ist eben immer das Ziel von europäischen Verordnungen und Richtlinien, dass wir sozusagen sowohl in Deutschland als auch wenn die Menschen reisen, zum Beispiel in Bezug aufs Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, ja sozusagen die barrierefreien Zahlungsterminals, auch wenn sie dann in Italien oder Spanien oder wo sie dann sind, vorfinden. Genau da gibt es immer Fristen, bis wann die umzusetzen sind.

Und natürlich gibt es auch immer Länder, die das dann nicht so schnell umgesetzt bekommen. Und wir sind sowieso auch immer dafür, weil das immer sehr lange Fristen sind. Auf europäischer Ebene, dass man das zeitnah umsetzt. Und auf nationaler Ebene engagieren wir uns, dass das auch möglichst gut umgesetzt wird. Aber da kommen wir sicher gleich noch zu was da die Unterschiede sind, eben wie das dann national weitergeht.

Welche Rolle hat dann die EU Generalversammlung gespielt darin, diese Themen zu verhandeln? Also gerade wurde schon kurz AVAS angesprochen. Haben Sie dann darüber bei der Generalversammlung sprechen können? Genau. Wir waren dann da vor Ort und haben uns auch weiter vernetzt mit den Delegationen, um einfach das Thema global weiterzutragen. Dass wir uns da engagieren und da auch an der einen oder anderen Stelle Unterstützung brauchen.

Wir haben natürlich auch einen Vortrag gehalten zu unserer AVAS-Arbeit und wir haben natürlich Resolutionen sozusagen eingebracht, die dann in dem strategischen Plan der WBU münden, wo dann geguckt wird, okay, wo müssen wir uns verstärkt global engagieren. Das heißt, wir haben zwei Resolutionen selbst eingebracht und einen auch mit unterstützt. Die eine zum Thema AVAS und sichere Mobilität für blinde, sehbehinderte Menschen und die andere zum Thema Weltkulturerbe.

Dass die breit anerkannt wird und der Gebrauch der Schrift als UNESCO Weltkulturerbe und eben auch eine weitere Resolution zum Erlernen der Brailleschrift haben wir auch mit unterstützt. Darüber wird jetzt online abgestimmt und dann hat die WBU sozusagen auch was Handfestes. Das diese Themen auch weiter bearbeitet werden und auch das ganze Finanzielle sozusagen berücksichtigt werden kann. Aber es ist vielleicht ein schönes Beispiel, dass man sehen kann, wie wichtig globale Zusammenarbeit ist, weil die Geräuschentwicklung sozusagen die Wahrnehmung der Wahrnehmbarkeit von Elektrofahrzeugen wird erst mal global verhandelt.

Ich glaube, 60 Nationen sind inzwischen dabei, sich dem international ausgehandelten Standards anzuschließen. Und selbst die EU überlegt gerade, die eigene Regelung, die sie gefunden hat, aufzuheben und sich sozusagen dem, dem internationalen, dem globalen Standard sozusagen anzuschließen. Na ja, und entsprechend global verhandeln dann natürlich die Länder, verhandelt die Autoindustrie, verhandeln die Umweltverbände und müssen natürlich auch wir als blinden, sehbehinderten Organisation dann verhandeln und jetzt ist es so, dass im Moment vor allen Dingen Vertreter aus den USA und wir aus Deutschland die Verhandlungen für den blinden und sehbehinderten Bereich führen.

Und das ist wirklich extrem aufwendig mit ganz viel Verhandlungen in Genf und an anderen Orten der Welt. Vor allen Dingen dort, wo die die Autoländer sozusagen angesiedelt sind. Also das ist vielleicht mal Tokio, das ist mal USA, New York und das ist dann wieder Europa. Und diese ganzen Verhandlungen abgestimmt und gemeinsam auch für den blinden und sehbehinderten Bereich zu führen, das ist einfach unerlässlich, wenn man da erfolgreich sein will.

Und das zeigt vielleicht, das ist schon so ein Paradebeispiel dafür, dass wir den internationalen Zusammenschluss und eigentlich auch den globalen Zusammenschluss wirklich der blinden und sehbehinderten Selbsthilfe wirklich brauchen. Wenn wir da im Verhandlungskontext nicht untergehen wollen. Also ja, dann sagen Sie vielleicht gerne noch mal: Was wurde denn bisher erreicht und was will man noch? Was will man noch erreichen?

Also der DBSV engagiert sich jetzt glaube ich schon seit 15 Jahren in dem Bereich maßgeblich. Und wir sind auch Teil der UNO Arbeitsgruppe, die die sogenannte UN Regelung Nummer 138 aktuell überarbeitet. Und ja, am Anfang war es eben so, dass sozusagen das AVAS das akustische Warnsignal für Elektro- und Hybridfahrzeuge war freiwillig. Und wir haben eben von Anfang an gesagt, das ist eine große Gefahr und stellt ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar.

Und damit man eben diese Fahrzeuge wahrnehmen kann, muss das verpflichtend eingeführt werden. Und wir haben jetzt zunächst 2015 erreicht, dass das verpflichtende Warn-Geräusch für AVAS bis 20 km/h eingeführt wurde. Die Umsetzung dauert eben immer, besonders auch bei so Produkten sozusagen. Das heißt, ab 2019 war das dann verpflichtend, serienmäßig erst ab 20 21 und dann zeigte sich eben auf den Straßen, dass das einfach nicht ausreicht.

Das haben wir auch von Anfang an so gesagt. Seitdem wir uns da engagieren. Wir fordern schon immer ein verpflichtendes AVAS-Warn-Geräusch bis 30 km/h einschließlich 30 km/h , weil eben einfach je nach Gewicht und Größe des Fahrzeugs und auch der Reifen das Reifenrollgeräusch erst dann dominant ist und man die Fahrzeuge sonst nicht wahrnehmen kann. Das auch insbesondere wichtig im Rückwärtsgang in Parksituation eben in dreißiger Zonen an Zebrastreifen.

Und deshalb engagieren wir uns da weiter und es ist sehr, sehr zeitaufwendig. Und ich war auch letztes Jahr in Japan, weil da immer die Verhandlungsorte wechseln. Zweimal im Jahr treffen wir uns immer in Genf. Und dann gibt es noch Unter-Arbeitsgruppen, die sind noch viel wichtiger, wo wir uns eben engagieren. Und dort sitzen wir eben gemeinsam mit den Autoherstellern, der Umweltlobby, Regierungsvertretern.

Und wir sind tatsächlich der einzige Verband, der Menschen mit Behinderungen vertritt. Dort vor Ort. Und da bringen wir eben unsere Perspektive ein und schauen auch auf die neuesten Studien, die eben auch zeigen, dass es nicht ausreicht, so wie das aktuell ausgestaltet ist. Ja, und das ist sehr mühselig. Aber ich glaube, es lohnt sich. Wir haben schon wirklich viel erreicht und das sind einfach ja, wenn jetzt sozusagen die neuesten Projektionen zeigen, bis 2030 werden wir 80 % Elektroautos haben, dann lohnt sich das, glaube ich, sich da zu engagieren, damit wir einfach nicht, ja, damit man sich einfach sicher und selbstständig gut im Verkehr bewegen kann.

Und in welchen internationalen Regelwerken sozusagen Regelungen wird das dann niedergeschrieben und wie wird das auf nationaler Ebene in Deutschland dann übersetzt? Also jetzt konkret für die UN Regel 138 ist es eben so, dass es ja, das ist von den Vereinten Nationen, dass die Europäische Kommission für Wirtschaft, die das regelt und das wird eben in einer EU Verordnung umgesetzt.

Das heißt, es geht dann europäisch immer noch weiter, dass ist auch noch mal vielleicht der Unterschied, wo ich gerne noch drauf eingehen würde, ob man eine Verordnung oder eine Richtlinie hat. Weil bei EU Verordnung ist das so, die gelten eben unmittelbar in Deutschland, das heißt die müssen nicht noch in nationales Recht umgesetzt werden. Das trifft eben auf diese AVAS-Regelung zu.

Aber bei Richtlinien ist es so, da gibt es immer nur eher Ziele und Mindeststandards und die müssen dann in nationales Recht übertragen werden. Und das, da gibt es immer eine Umsetzungsfrist von mehreren Jahren. Das sehen wir auch sozusagen bei denen, wo wir auch schon drüber gesprochen haben, beim Barrierefreiheitsstärkungsgesetz oder auch bei dem EU Behindertenausweis und der Web Accessibility Richtlinie.

Da ist es immer so, ähm, ja, da geht dann die Arbeit in Berlin sozusagen weiter und wir setzen uns dann auch dafür ein, dass die Barrierefreiheit nicht verwässert wird. Das ist ganz wichtig und deshalb, ja, es ist ganz gut, dass wir beim DBSV die Möglichkeit haben, mal international zu schauen, dass da überhaupt Vorgaben erst mal richtig sind und dann aber auch national nach zu halten, dass das auch gut umgesetzt wird.

Danke für die Erläuterung da noch mal Klingt auf jeden Fall auch so, als bräuchte man einen langen Atem für internationale Zusammenarbeit. Das stimmt ja. Wie halten Sie den? Ach, ich glaube, dass das ja eine Qualität auch unserer Verbandsarbeit ist, dass wir nachhaltig dranbleiben an Themen, ob das national ist oder ob das international ist. Dadurch, dass wir strategisch vorgehen, dass wir mit unseren Vertreterinnen und Vertretern auch immer das Ziel haben, langfristig Dinge zu bearbeiten.

Ist das so eines der Geheimnisse, glaube ich auch unserer Erfolge und ja, das muss man wirklich hinbekommen. Das braucht natürlich, das ist immer so eine der Voraussetzungen, auch entsprechend aufgestellte Teams und na ja, mit den entsprechenden Kosten, die damit dann auch verbunden sind. Und das ist sicherlich bei der internationalen Arbeit besonders eine besondere Herausforderung, weil das dann einfach das ganze Reisen noch dazukommt und weil das halt von den Sachaufwendungen her noch mal eine ganz besondere Herausforderung ist.

Ja, verstehe. Können Sie da schon einen, also vielleicht beide gerne einen Ausblick geben, wie Ja, was steht da in den nächsten Jahren an? Also ich glaube, ein ganz großes Ziel wäre, die Verhandlungen zum Thema AVAS erst mal zum Abschluss zu bringen und gut zum Abschluss zu bringen, weil nicht mehr immer damit beschäftigt zu sein, sozusagen Verschlechterungen abzuwehren, sondern dass es dann noch besser wird.

Also man erreicht eben halt immer nur Schritt für Schritt etwas und muss auch Kompromisse eingehen. Aber ich glaube, wir sind da wirklich gut drin. Den langen Atem zu haben und darauf hinzuarbeiten. Aber ich glaube, für uns geht es auch immer ganz oft darum, eben bestehende Gesetzeslücken ganz oft anzumahnen und zu sagen okay, da muss jetzt was passieren. Ich glaube, das ist auch so was, was wir zum Beispiel European Accessibility Act, also dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, machen.

Wir stecken schon in den Vorbereitungen von einer neuen EBU Kampagne, die wir maßgeblich mitgestaltet, zu barrierefreien Haushaltsgeräten, sozusagen die Gesetzesbereiche, wo das noch nicht so gilt, da wollen wir immer darauf hinarbeiten, dass die geschlossen werden. Und ich glaube, uns geht die Arbeit auf jeden Fall nicht aus. Aber natürlich geht es auch darum zu schauen okay, bestehende Gesetze, die müssen weiterentwickelt werden.

Und es gibt so Dauerbrenner, das sind vor allen Dingen auch so was wie Fahrgastrechte, sei es im Flugverkehr oder bei Bahnfahrgastrechten. Da sind wir auch immer wieder dran, weil da einfach Überarbeitung anstehen auf europäischer Ebene. Und da bringen wir uns in allen möglichen Konsultationsverfahren ein, sei es schriftliche oder eben bei Veranstaltungen, wo wir konsultiert werden oder Interviews und ja, und dann steht natürlich noch an die Initiative, die Brailleschrift als immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO anerkennen zu lassen.

Da sind Frankreich und Deutschland gerade dran, um den Antrag vorzubereiten. Der soll im Frühjahr 2026 eingereicht werden. Also wir haben noch sehr viele Themen, die da noch in der Pipeline sind. Vielleicht kann man so ergänzen, das unsere Verhandlungsposition im Bereich AVAS vielleicht auch die Chance bietet, in die Verhandlungen mit eingebunden zu werden. Wenn es auf der globalen Ebene um das Thema ja automatisiertes Fahren geht.

Das ist im Grunde, ich sage mal, jetzt derselbe Verhandlungsbereich und das sind dieselben Gremien, die sich diesen Thematiken zuwenden werden. Und das ist ja auch durchaus was, was für uns, für unseren Personenkreis besonders wichtig ist. Nicht nur vielleicht mit dem fernen Ziel, ob man als blinder oder sehbehinderte Menschen mal selber ein Auto fahren kann. Aber auch der ganze Einsatz im öffentlichen Verkehr und so was und was da an Standards entsteht, das ist natürlich auch was, was uns maßgeblich mit interessiert und was sich so abzeichnet als große Zukunftsaufgabe.

Und viel näher liegend ist vielleicht noch, dass wir in diesem ganzen Bereich der Standardsetzungen eine Tendenz haben, das nicht mehr so auf der nationalen Ebene jeweils die Standards gesetzt werden, sondern dass international harmonisiert wird. Gerade sind wir so vor dem Ende, dass so das Thema taktile Beschriftungen und so was, dass das europäisch harmonisiert wird. Und da haben wir uns dann eingebracht, dass wir sozusagen nicht irgendwelche Standards von irgendwelchen Ländern vorgegeben kriegen, sondern dass wir das, was wir hier wirklich schon gut in Deutschland entwickelt haben, dass wir das möglichst auch in internationale Normen reinkriegen und der nächste Schritt wird jetzt sein ja, dieses Thema smarte Mobilität.

Da zeichnen sich jetzt die nächsten Normgebungen ab, dass wir da mit dabei sind und man merkt so ein bisschen, das geht von ganz Kleinteiligen, Grundsätzlichem bis hin zu den großen Themen sozusagen, die wir, die wir einfach weiter mitgestalten wollen und die für uns Menschen dann hier in Deutschland auch einfach ihre Bedeutung haben werden. Wenn man sich jetzt an der Entwicklung dieser Themen finanziell beteiligen möchte.

Herr Bethke, welche Möglichkeiten hat man da? Ja, gerade die internationale Arbeit ist echt herausfordernd, wird vielleicht so ein bisschen deutlich, weil wir wirklich langfristig an Themen dranbleiben müssen. Weil es nicht so ist, dass Leute lange, lange mitarbeiten müssen. Dann musst du auch die Menschen finden, die englischsprachig sind, die entsprechend verhandeln können und da sind wir mit Merve Sezgin toll aufgestellt.

Da haben wir Sabine Ström im Präsidium der Europäischen Blindenunion. Aber da haben wir auch weitere Kolleginnen und Kollegen, die auf den verschiedenen Ebenen mittun. Und ich habe schon gesagt, das alles hat erhebliche Sachkosten, die auch damit verbunden sind. Öffentliche Mittel, muss man sagen, gibt es dafür leider nicht. Da sind wir in Deutschland ja immer noch sehr deutsch bezogen und haben eigentlich keine Möglichkeiten, diese Arbeit finanziell unterstützen zu lassen durch öffentliche Mittel, so dass wir einerseits zum Glück die Situation haben, dass uns innerhalb unserer Mitgliedsorganisationen eine Fördergemeinschaft internationale Arbeit dabei hilft, dass wir das alles stemmen können.

Aber das reicht nicht. Wir brauchen zusätzlich private Förderungen und Spenden. Und da sind wir dankbar, wenn auch der eine die andere, die heute vielleicht mit zuhört und das wichtig findet und toll findet, was da passiert, mit entsprechenden Zuwendungen uns helfen kann. Wenn da immer internationale Arbeit als Förderzweck mit entsprechenden Zuwendungen verbunden ist, dann geht das auch selbstverständlich versprochen in diesem Bereich.

Und deshalb wäre es super, wenn wir in den Hintergrundinfos zu dem Podcast heute auch entsprechendes Spendenkonto und so was mit aufgeführt haben. Und wenn sich der eine die andere auch begeistert zeigt uns damit zu helfen, Das kriegen wir bestimmt hin. Ja, dann bleiben wir gespannt, wie sich diese großen internationalen Themen weiterhin entwickeln und auch mit welchen dann wieder inspirierenden Reisen Sie und Begegnungen sie vielleicht zusammenhängen.

Gibt es da schon Ausblicke, wo es als nächstes Mal hingehen kann? Ich habe jetzt keine. Merve Sezgin ist ja sicherlich in Sachen AVAS gleich wieder unterwegs, aber ansonsten. Ich glaube, ich weiß nicht, ob es Generalversammlungen schon gibt. Das neue Präsidium wird ja gestellt von einem indischen Präsidenten ist es dann klar, dass es als nächstes in Indien stattfinden wird. Ich glaube, da gibt es noch keine Planungen.

Wir sind auf jeden Fall froh, dass es ein gutes neues Präsidium jetzt gibt auf der globalen Ebene. Da hatten wir ein bisschen da, ich sage mal, Luft nach oben in den letzten Jahren, und da haben wir das Gefühl, dass es uns gelungen ist, ein ganz gutes neues Präsidium jetzt ans Ruder zu bringen. Ja, auch da merkt man so ein bisschen daran, dass es, dass die Welt nicht mehr europäisch bestimmt ist.

Wir haben jetzt nur noch ein Mitglied aus Spanien im Weltpräsidium, und ansonsten haben wir Südamerika, Indien, Afrika mit dabei und insofern muss man schon sehen, dass man dort auch seine Interessen mit einbringt. Einerseits. Andererseits hat man natürlich die Chance, auch wirklich global aktiv zu werden und aber ich glaube, irgendwelche Orte usw. für irgendwelche Versammlungen gibt es noch nicht.

Das lassen wir auf uns zukommen und arbeiten erst mal, bevor wir wieder uns zu irgendwelchen Abstimmungstreffen und so was zusammenfinden können. Alles klar, Sehr gut. Ja, dann danke ich Ihnen beiden erst mal ganz herzlich für das Gespräch. Und ja, ich freue mich, da in Zukunft mehr zu hören. Also vielen Dank und bis zum nächsten Mal. Ich danke auch.

Danke auch. Danke!

Weitere Informationen rund um die internationale Arbeit des Deutschen Blinden und Sehbehinderten Verbandes finden Sie unter www. dbsv.org/Internationales-Engagement.HTML. Wenn Sie die internationale Arbeit des DBSV unterstützen möchten, können Sie dies mit einer Spende tun. Das Konto finden Sie in den Shownotes, also dem Text unter dieser Folge. Alle wichtigen weiteren Links finden Sie ebenfalls dort in den Verbandsperspektiven hörten Sie dieses Mal Andreas Bethke und Merve Sezgin. Moderation Leonie Koll Redaktion und Schnitt: Leonie Koll und Christian Balbach. Sounddesign: Robbie Sandberg. Wenn Ihnen diese Folge gefallen hat, abonnieren und bewerten Sie uns gerne. Die nächste Folge erscheint Ende März 2026. Um Ihnen die Wartezeit bis dahin zu verkürzen, hören Sie auch in unsere anderen Podcasts rein. Sie finden sie unter Sichtweisen-online.org/DBSV-Podcasts. Gerne können Sie uns auch Fragen und Anregungen zukommen lassen. Nutzen Sie dafür Instagram, Facebook oder unsere E Mail Adresse Podcasts@dbsv.org Podcasts dabei mit einem S am Ende. Wir freuen uns auf Ihre Nachrichten. Bis zum nächsten Mal. Tschüss!

Dieser Podcast wird produziert vom DBSV.

Über diesen Podcast

„Verbandsperspektiven - Der Gesprächs-Podcast des DBSV“ ist ein Podcast des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands.
Hier bekommen Sie fundierte Einblicke in die Arbeit des Verbands, erfahren die Standpunkte des DBSV zu aktuellen Themen und erhalten Hintergründe zur politischen Interessenvertretung. Wenn Sie sich für Engagement, Teilhabe und die Perspektiven blinder und sehbehinderter Menschen interessieren, sind Sie hier genau richtig.

von und mit DBSV – Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.

Abonnieren

Follow us